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Vor der Universität: Albertus Magnus, der "doctor universalis"

Unübersehbar steht er heute (wieder) vor der Universität: Albertus Magnus.

Den Kopf in die Hand gestützt, den Ellenbogen auf ein Buch gelagert: so zeigt ihn das Denkmal von Gerhard Marcks, das die Stadt Köln 1956 anfertigen ließ. Auch wenn die Universität nie seinen Namen führte, spielte und spielt der große Gelehrte bis heute eine Rolle. Der "doctor universalis" steht für die Vielfalt menschlichen Wissens und der Wissenschaft.

Aufgrund seiner weitgespannten Forschungen stand er sogar im Rufe, Magie ausüben zu können, wie die Volkssage vom Winterwunder beim Besuche des deutschen Königs Wilhelm von Holland an einem Dreikönigentag im Kölner Domikanerkloster belegt. "Vielleicht erzählt diese Geschichte von einem Wunder, vielleicht auch nur von einem wunderbaren Menschen, in dessen Gesellschaft man sich stets wie in einem sonnigen Garten vorkam." (aus: Gartenparadiese. Ostfildern 2004, S. 64).

Bitte nach der Rückkehr aus Salerno

„Also, ich bin wieder da.
Samt Gedicht. Du wolltest ja.
Bitte leihe mir Dein Ohr
und sei heiter. Ich les vor.
Hoch gepriesen sei Salernum
heute wie auch in aeternum!
Braucht der Mensch ´nen Mediziner,
segelt auf der Stelle hin er;
denn was dort die Uni lehrt,
ist sein Geld auch wirklich wert.

Nur die Leute in Salern’
können mich mal wirklich gern –
mir ging’s seelisch und auch leiblich
dort ganz einfach unbeschreiblich.
Ich lag da so sterbensmatt,
Fieber über vierzig Grad,
Schmerzen so verteufelt schwer,
daß ich denk, ich wird nicht mehr.

[...]
Immerhin, die Medizin
kriegte mich so halbwegs hin;
aber seht mich nur mal an -
ich war wirklich drauf und dran.

[...]
Da, wo ich was lernen sollte,
wo ich Doktor werden wollte,
wurd’ ich krank und blieb ich dumm
und hing auf der Straße 'rum.
Nichts mit Stab des Aeskulap –
mir blieb nur der Bettelstab.“

(Archipoeta: Vagantenbeichte. Neu übertragen von Georg Bungter und Günter Frorath. Köln 1981, S. 39-43, hier gekürzt).

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Der Kontext: "Akademiker" in Köln um 1200

Um zu verstehen, warum die erste rheinische Universität ausgerechnet in Köln entsteht, müssen wir etwas weiter ausholen. Da ist einmal der „Archipoeta“, jener bis heute etwas rätselhafte Dichter im Umfeld des Kölner Erzbischofs Rainald von Dassel.

Besser als er , der nach dem (unfreiwilligen?) Abbruch seines Medizinstudiums als Dichter "jobben" musste, hatte es eine andere Gruppe Kölner Kleriker getroffen. Um 1200 finden sich in der städtischen Überlieferung Spuren mehrerer Träger eines Magistertitels unter den Kölner Pfarrern und Stiftsklerikern. Manfred Groten vermutete, dass diese das Studium der artes liberales absolvierten. Daneben verbreitete sich seit den 1180er Jahren auch in Köln unter Klerikern die Kenntnis des gelehrten Rechts.

Der Archipoeta, der an die berühmte Schule von Salerno zieht, die rechtkundigen Kölner Kleriker, die nach dem Studium in Paris, Montpellier oder Orléans in Köln geistliche Ämter und Pfründen erhalten, belegen ein Bedürfnis nach höherer Bildung, das offensichtlich nicht in Köln zu befriedigen war. Daß dies damals nicht – noch nicht – zur Gründung einer universitas magistrorum et scholarium, einem freien, den Zünften analogen Zusammenschluß (einer coniuratio) von Lehrenden und Lernenden nach dem Vorbild von Paris, Bologna oder Montpellier führte, lag möglicherweise an dem Monopol von Reformmönchen und Stiftsklerikern auf höhere Bildung: Die in Paris aufkommende scholastische Methode wurde als Bedrohung empfunden. Loris Sturlese formulierte dies so:

"[...] die Lehrer der deutschen Domschulen  [orientierten sich ] an der moderaten Option der grammatikalischen, theologisch-exegetischen Bildung, die vor allem vom kluniazensischen Mönchtum vertreten wurde. [...] Die deutsche Antwort auf die Herausforderung durch die nordfranzösischen Schulen kam also aus Mönchskreisen. Ihr Erfolg hatte für lange Zeit ernormen Einfluß auf die Entwicklung des philosophischen Denkens und ist wahrscheinlich eine wichtige Ursache eines ebenso einmaligen wie auch bislang ungeklärten Phänomens, nämlich des langen Ausbleibens von Universitätsgründungen auf deutschem Boden.“  (Loris Sturlese: Die deutsche Philosophie im Mittelalter. Von Bonifatius bis zu Albert dem Großen 748-1280. München 1993, S. 98-99)

Anteil am Übergang von den Kloster- und Domschulen zur Universität könnte nach Ansicht von Sturlese die spätere Artistenfakultät gehabt haben: In beiden Einrichtungen wurden die spätantiken „artes liberales“ (Logik, Ethik, Physik, Grammatik, Musik, Arithmetik und Geometrie) gelehrt. In der spätmittelalterlichen Kölner Universität wurde um 1500 die Grammatik bereits nicht mehr berücksichtigt - dies überlies man in zunächst den regionalen "Lateinschulen". Deren Aufblühen, das u.a. auch mit deem Einbau neuer humanistischer Inhalte einherging, wurde im 16. Jahrrundert jedoch zu einer starken Konkurrenz für die Kölner Artistenfakultät.

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Albertus und das Kölner Generalstudium der Dominikaner

Albertus Magnus - durch die Mitra als zeitweiliger Bischof von Regensburg gekennzeichnet - hält das Buch als Zeichen der Lehre.

In den Kölner Generalstudien der Bettelorden - den Anfang machten 1248 die Dominikaner - wurde hingegen die neue Methode der Aristoteles-Auslegung von Anfang an gelehrt. Ein wesentlicher Protagonist dabei war Albertus Magnus, dem das Generalkapitel den Aufbau und die Leitung des Kölner Generalstudiums übertragen hatten. In Köln legte er, der an der Pariser Universität gelehrt hatte, sowohl ethische wie naturphilosophische Schriften des Aristoteles aus. Der PariseR bischof verbot allerdings noch 1277 der Universität6 die Lehre des Aristoteles! ein Verbot, das auf dauer jedoch nichtb zu halten war.

Wenngleich die Predigerbrüder in Köln studieren konnten - akademische Grade konnte die Ordensschule nicht verleihen. Die Magisterwürde verliehen nur die Universitäten als Generalstudien. So dankte Papst Alexander IV. am 3. März 1256 dem Bischof von Paris als Kanzler der dortigen Universität, daß er dem Presdigerbruder Thomas von Aquin, der zuvor in Köln bei Albert studiert hatte, die licentia docendi (Lehrbefugnis) erteilt hatte.

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Der Kölner Albertismus

Albertus Magnus als Lehrer, um die Lehrkanzel sitzen seine Schülern. Ganz rechts oben, mit dem Heiligenschein, Thomas von Aquin - sein berühmtester Kölner Schüler.

Im 15. und 16. Jahrhundert preisen die Klner Drucke von Lehrbüchern ihren Wert mit dem Hinweis auf die "via sancti Alberti" - gemeint ist natürlich Albertus Magnus - an. Nach Hans Gerd Senger wollte man sich mit dieser Etikettierung von anderen philosphischen Strömungen werbewirksam absetzen. In Köln etwa berief sich die Montaner-Burse auf Alberts Schüler Thomas von Aquin.

Senger ist 1999 der Frage nach dem "Kölner Albertismus" nachgegangen: Der seit 1423 in Köln lehrende Heiymericus de Campo, ein Freund des seit 1425 auch in Köln als Jursit lehrenden Nikolaus von Kues, schildert 1456 aus Löwen rückschauend, wie sein Lehrer Johannes von Neuhaus in Paris die Lehre Alberts gegen "Neuerer" verteidigt habe. Bei seiner Interpretation der Schriften des Aristoteles griff Johannes de Novo Domo auf Platon und Albertus zurück. Auch Heymericus, der in Paris bei ihm studiert hatte, mußte sich deswegen in Köln von Fakultätskollegen als "Neuankömmling und Fremdling" beschimpfen lassen. Klang da vielleicht auch der Vorwurf des "Neuerers" an??

Im Hintergrund solcher Professorenfehden stand aber wohl auch das liebe Geld, denn die Bursenregenten suchten natürlich möglichst viele Studienwillige an ihre Burse zu binden. Da konnte ein werbewirksames Etikett wie die Berufung auf Albertus natürlich nicht schaden. Oder wie es die Schriftrolle im Titelholzschnitt eines Kölner Lehrbuchs fomulierte:

"Accipies tanti doctoris dogmata sancti",
Empfange die Lehrsätze eine solch heiligen Doktors!

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Albertus und die neue Kölner Universität

Bei der Wiederbegründung der Universität 1919 spielte Albertus keine große Rolle: Er diente den Festrednern meist nur als geistiger Ahnherr, der die lange Hochschultradititon Kölns verbürgte.

Bereits 1924 wurden aber, wie Erich Meuthen in seiner Geschichte des Thomas-Instituts festgestellt hat, Pläne zur Einrichtung einer Professur für die mittelalterliche Philosophie geschmiedet. Schon damals wurde Josef Koch als Nachwuchswissenschaftler für die Stelle vorgeschlagen, die aber letztlich (bis zu seiner Emeritierung 1942) Arthur Schneider übernahm.

Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurden durch den katholischen Hochschulpfarrer und Stadtdechanten Robert Grosche die Pläne für ein der mittelalterlichen Scholastik gewidmetes Institut wieder aufgenommen. Es war wieder Josef Koch, den man in Erwägung zog, den man aber erst 1948 nach Köln holen konnte, weil sich die hiesigen Planungen mit seiner Berufung nach Göttingen überkreuzten. Am 24. Mai erhielt er den neu errichteten dritten Lehrstuhl für Philosophie; dem soeben berufenen Ordinarius wurde sogleich  die Festansprache für die Gründungsfeier - der alten Universität! - am 26. Mai 1948 übertragen.

Parallel dazu entstand 1950 ein Forschungsinstitut für mittelalterliche Philosophie. Da der Kölner Erzbischof Kardinal Schule bereit 1931 ein "Albertus-Magnus-Institut" zur Edititon von dessen Werk ins Leben gerufen hatte, wurde Thomas von Aquin als dessen wichtigster Schüler Namensgeber für das Kölner Institut.

Das Jahr 1948 stand im Zeichen des Domjubiläums - dem 700. Jahrestag der Grundsteinlegung - und der Gründung des Studium generale der Dominikaner. Die "Kölner Universitätszeitung" veröffentlichte aus diesem Anlaß eine Sonderbeilage mit Aufsätzen von Profesoren und Studierenden zu diesem Anlaß, und die Universität veranstaltete zusammen mit Kölner Bibliotheke und Archiven eine große Albertus-Ausstellung.

Als 1928/29 die Planungen für den Universitätsneubau in Lindenthal konkretisiert wurden, war für den Platz davor auch eine Statue des Albertus vorgesehen. Nach der Machtübernahme durch die Ntionalsozialisten erhielt er jedoch die Bezeichnung "Langemarck-Platz".

Nach Ende des Dritten Reiches wurde der Platz in Aklbertus-Magnus-Platz umbenannt. 1956 wurde im Auftrage der Stadt durch Gerhard Marcks die Albertus-Skulptur geschaffen, die seit mehr als zehn Jahren wieder ihren angestammten Platz vor dem Hauptgebäude eingenommen hat. 

Albertus Magnus wurde schließlich im Jahre 2005 der Namensgeber einer Gastprofessur, auf die "jedes Jahr eine Persönlichkeit von internationaler Bedeutung berufen [wird]. In öffentlichen Vorlesungen und Seminaren werden Fragen von allgemeiner Bedeutung behandelt, die derzeit in vielen Grundlagenwissenschaften, aber auch in der öffentlichen Debatte eine Rolle spielen." Näheres dazu erfahren Sie unter diesem Link:

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