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Lustiges Studentenleben?

Zwischen Hörsaal und Bordell: Studentisches Leben im spätmittelalterlichen Köln

"Vom Hörsaal ins Bordell" - und das im Mittelalter???

In den von Hermann Keussen zusammengestellten Quellen treten uns öfters Studenten entgegen, die auf dem Berlich, im "Rotlichtviertel" des mittellalterlichen Köln, aufgegriffen wurden. Diesbezügliche Verbote wirkten bei den Studenten offenbar nicht - im Mittelalter waren die 14-16 Jahre alten Jungen mitten im "Flegelalter", der Pubertät. So verkündete der Rat um 1400 an "paffe, studenten, leye - vrauw oder man" das Verbot des Ausgehens nach 11 Uhr in der Nacht, Auflauf und Gerücht "mit Worten und Werken". Daß es wirkungslos blieb, bezeugt seine erneuten Einschärfungen 1435 (ergänzt um das Verbot, im Stadtgraben zu spielen) und 1450.

Wenn es nicht eingehalten wurde, konnten die Konsequenzen eines Übertretens ernst sein: So bekannte 1491 der Priester Simon van Delfft, Student der Universität, daß er von etlichen Kommilitonen betrunken gemacht und von diesen auf den Berlich gebracht wurde, wo ihn die Ratsdiener nach der Sperrstunde aufgegriffen und in den Frankenturm gesperrt hätten. Wahrscheinlich konnte er sich an nichts mehr erinnern ...

Am 10. März 1486 beschloß der Rat dann, die "leichten Dirnen" aus der Schmierstraße, Unter Sachsenhausen und der Marzellenstraße zu entfernen - Anlaß waren Beschwerden der Artistenfakultät und der Bursenregenten über Störung des Studiums bei Tag und Nacht ...

Spiel, Gesang und Trunk

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Illustration aus Sebastian Brants "Narrenschiff": Der Narr begrüßt eine dame mit einem Backgammon-Brett in Hand.

Von Hermann Weinsberg erfahren wir über die Freizeitgestaltung der Studenten:

"Einmal haben wir Gesellen uns mit andern verabredet, waren wohl zu dreizehn und zogen nach Altenberg, wo etliche Bekannte und Freunde hatten. Wir lagen daselbst vier oder fünf Tag, praßten und soffen, daß wir uns alle ohne Ausnahme übergeben mußten. Wie die Schweine hausten wir da.

Manchmal pflegten wir Gesellen in der Cronenburse heimlich auf den Kammern auf dem Brett zu spielen um ein Gelag oder sonst um etwas anderes, aber das mußte heimlich geschehen, damit es der Rektor nicht gewahr werde. Dies Brettspiel hat mich meine Mutter gelehrt, und als mein Vater das sah, sagte er zur Mutter: 'Was? Lehrt Ihr ihn spielen? Das ist übel getan!' Meine Mutter antwortete: 'Ich muß ihn das Brettspiel lehren, sonst wird es ihm ein andrer zu seinem Schaden beibringen, denn da es so allgemein ist, wird er es doch wissen wollen.' Aber das war nicht ihr Ernst, denn sie scherzte selber darüber. Mein Vater spielte auch wohl Karten mit mir; wenn er mir dann abgewann, spottete er über mich und suchte mich zu reizen, um mir das Spielen widerlich zu machen. Damals hatte ich große Lust am Brettspiel, wir haben oftmals um eine Kanne Weins oder zum Zeitvertreib gespielt, zuletzt sind mir aber Brettspiel und Karten gar zuwider geworden.

Wir Gesellen pflegten uns auch auf dem Felde, auf dem Graben und sonstwo mit dem Ballspiel und Springen zu üben. Ich bin oft über den Galgen aus Gerten höher gesprungen als bis ans Herz, und wunderbar ist's, daß ich mir dabei niemals weh getan habe."

"Es war damals ein so überaus hitziger Sommer gewesen, wie man ihn noch nie erlebt hatte. [...] Da aber der Wein so stark, süß, gut, reichlich und wohlfeil war, hat sich das Volk ans Trinken und Schwelgen begeben, daß sie auf der Straße, da und dort an den Hecken gelegen haben wie die Schweine. Dieser gute, wohlfeile Wein hat zur Geselligkeit angeregt, auch unter uns Studenten, und wir haben dermaßen getrunken, daß einer sich am andern festhalten mußte. Auch ich kam um diese Zeit ans Trinken, gewöhnte mich daran, und obwohl ich ziemlich viel vertragen konnte und auch nicht viel betrunken gewesen, auch bei Verstand geblieben, habe ich mich dennoch zuzeiten übergeben müssen."

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Akademische Verbindungen an der Handelshochschule

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  • Großansicht:
    Verbindungsstudent (stud.rer.merc. Erich Tgahrt?) in Pekesche und „Stürmer“ mit Couleurband der Ubia“, 1902 (Bild: UA Köln, Zug. 614/18).
  • Großansicht:
    Wappen der Ubia, Motto „Einer für Alle, Alle für Einen!“. Farben Gold-Rot-Blau mit Zirkel, ohne Datum (Bild: UA Köln, Zug. 614/19).

Die 1901 eröffnete Kölner Handelshochschule war keine Universität, somit konnte sie den Diplomgradmm jedoch keine Doktorwürde verleihen. Gleichwohl regte sich unter den männlichen Studierenden - denen 1907 und damit ein Jahr vor den preußischen Universitäten Damen als Studierende folgten - der Wunsch nach verbindungsstudentischem Leben. So bildeten sich am 23. Mai 1901 an der Handelshochschule die akademischen Verbindungen "Hansea" und am 12. Juni 1901 die "Ubia". Ihr folgte 1902 - zunächst als "Stenographenverein nach Stoltz-Schrey" - ein Verein, der sich bald als "Akademische Verbindung Rheno-Franconia" umkonstutuierte.

Allerdings blieb den Handelshochschul-Verbindungen die Anerkennung der universitären Schwestern um damit der Zutritt zu deren Dachverbänden versagt. In der Konsequenz konstituierten die Verbindungen an den Handelshochschulen - an Universitäten gerne spöttisch als "Koofmich-Universitäten" betitelt - im Lichtenfelser Chargierten-Convent, dem sich auch die "Rheno-Franconia" zu Köln anschloß.

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Studentische Freizeit außerhalb der Verbindungen

Im Juli 1927 schlendern zwei junge Männer im Anzug über den Bürgersteig am Ubierring. Der eine mit Hut raucht eine Zigarette, der mit Stock trägt unter dem Arm einen Stapel Bücher; sie betiteln sich scherzhaft als  "Professor’ Esser“ und „Reichsgerichtsrat’ Buchholz“.

Studierende der Universität prägen bis Mitte der 1930er Jahre das Bild der Kölner Südstadt, die mit und von den Studenten der Universität lebt. Zu den Studierenden der Uni gesellen sich die Angehörigen der Staatlichen Maschinenbauschulen und der Werkkunstschule am Ubierring.

Allerdings ist das Zusammenleben der Studierenden untereinander wie auch mit den Bürgern nicht spannungsfrei: Während sich Esser in der Freizeit mit Kommilitonen zum Tennis trifft oder mit Mutter, Schwester und Kommilitoninnen im Strandbad Rodenkirchen schwimmen geht, kommt es unter Alkoholeinfluß zu Ausfällen der studentischen Bohème in der Öffentlichkeit, mit denen sich anschließend der Disziplinarbeamte, Universitätsrat Professor Graven zu befassen hat. Dazu zwei Beispiele aus den 1920er Jahren:

In einem Café am Chlodwigplatz spricht im Dezember 1928 zu mitternächtlicher Stunde der Student Hermann Klein eine im Gehen begriffene Kommilitonin mit den Worten „Heda, gnädiges Fräulein, hören Sie mal“ an, worauf ihr Begleiter Hans Franzen – ebenfalls Student – Klein mit der Bemerkung „Ich glaube, Sie sind wohl verrückt geworden, Sie Flegel“ ‚in seine Schanken zurückweist‘, wie er später angibt. In aufgeheizter Atmosphäre tauscht man die Adressen. Auf Franzens Anzeige des Vorfalls lädt Graven, ein erfahrerner Richter am Oberlandesgericht, die Parteien zu einer Aussprache in sein Dienstzimmer, und hält Franzen energisch vor, „ohne hinreichenden Anlass das Wort ‚Flegel’ zu Klein gebraucht zu haben.“ Die Sache endet mit einem Ausgleich.

Der Student Friedrich Karl Esser – „F.K.E.“, wie er sich selbst bezeichnet – benimmt sich dagegen nicht nur außerhalb der Universität als Musterknabe: 1907 in Köln als Sohn eines Ingenieurs geboren, immatrikuliert er sich nach der Reifeprüfung am Städtischen Realgymnasium in Lindenthal in der Kölner Rechtswissenschaftlichen Fakultät mit dem Ziel der Promotion, wohnt aber auch als Student weiterhin in der elterlichen Wohnung Bismarckstraße 45 im „Belgischen Viertel“. Die in der Südstadt in der Claudiusstraße liegende Universität ist über die Ringbahn leicht erreichbar.

Er studiert fleißig, büffelt sogar an Karneval und nimmt nach vier Jahren Studium am 5. September 1929 Exmatrikel, um nach dem mit „gut“ bestandenen Ersten Staatsexamen das Referendariat am Oberlandesgericht Köln zu absolvieren, das er ebenfalls überdurchschnittlich mit der Prüfung zum Gerichtsassessor abzuschließen.

Sport als Freitzeitbeschäftigung

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Bis 1946 wurden am universitären "Institut für Leibeserziehung" auch Sportlehrer ausgebildet, wie der Leichtathlet Gustav Weinkötz. Nach der Verselbständigung des Instituts als "Kölner", heute "Deutsche Sporthochschule" wurde das "Akademische Sportamt"  ins Leben gerufen, das für die Studierenden ein Sportprogramm organisiert. Dabei errangen Studierende der Universität errangen auf den Deutschen Hochschulmeisterschaften erste Plätze, wie etwa das Fußballteam 1950.

Auch im Länderspiel Deutschland ./. Schweiz im Darmstädter Hochschulstadion spielten 1950 mehrere Kölner Studenten in der Hochschulnationalmannschaft mit.

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Und heute?

Die Universität zu Köln erfreut sich gleichbleibender Beliebtheit als Hochschulort, nicht zuletzt wegen der Freitzeitmöglichkeiten in der Stadt und ihrer Umgebung. Es wird gefeiert und auch getrunken. Auch in Studentenverbindungen, die es immer noch gibt - allerdings prägen sie heute nicht mehr das Bild der Hochschule.

Ein Teil der Studierenden pendelt immer noch, weil studentisches Wohnen in Köln bis heute ein teures Vergnügen ist. Die Zahl der Wohnheimplätze wird ausgebaut, allerdings ist ihre Zahl für annährend 100.000 Studierende aller Kölner Hochschulen immer noch gering. Und so müssen viele Studierende neben ihrem Studium jobben, um Lebensunterhalt und Wohnung zu finanzieren - den klassischen Werksstudenten der 20er Jahre gibt es allerdings kaum noch.

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