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Messer, Gabel, ...

„… Schere, Licht – sind für kleine Kinder nicht.“ So wurde in Kindertagen vor den Gefahren von Haushaltsgegenständen gewarnt. Den Kinderschuhen entwachsen und auch im Umgang mit dem Essbesteck mittlerweile hinlänglich geübt, sah sich Universitätsarchivar Dr. Andreas Freitäger Ende Januar 2011 mit einer für Archive wohl seltenen Abgabe konfrontiert: den umfangreichen Resten eines für mindestens 80 Personen gedachten silbernen Tafelbestecks. Erhalten haben sich 69 große und 37 kleine Gabeln, 86 große und 81 kleine Messer, aber nur noch 10 große Löffel und immerhin 41 Dessertlöffel. Also hatte im Laufe der Jahrzehnte wohl doch jemand – entgegen landläufigen Ratschlägen – „silberne Löffel geklaut“. Der gute Erhaltungszustand ließ darauf schließen, dass das Besteck, das in den originalen Futteralen übergeben wurde, nicht übermäßig oft, aber – wie die Quellen zeigen – regelmäßig benutzt wurde.

Die Geschichte dieses Bestecks weist fast 90 Jahre, in die Anfänge der Universität, zurück: Anhand des Stempels, einem gotischen „F“ auf einer Raute, konnte dank der Hilfe des Kölner Besteckhauses Glaub festgestellt werden, dass der Hersteller des Bestecks die von 1868 bis 1976 in Schwäbisch Gmünd bestehende Silberwarenfabrik Wilhelm Binder war. Durch das Schwäbisch Gmünder Stadtmuseum war ferner zu erfahren, dass die Firma zwischen 1922 und 1929 unter der Marke „Floreat“ auch Bestecke in Alpacca (so der Markenname für die als „Neusilber“ bezeichnete Kupfer-Nickel-Zink-Legierung) mit Silberauflage vertrieb. Damit war der Zeitraum eingegrenzt, in dem die noch junge Kölner Universität das Tafelbesteck erworben haben konnte.

In den Akten über die Senatskasse fand sich auch rasch ein Anhaltspunkt für den Kauf: Unter dem 1. Juni 1922 wies Rektor Prof. Dr. Lehmann gemäß Senatsbeschluss vom 31. Mai als Beitrag zur Beschaffung von Messern und Gabeln dem Professorium aus der Senatskasse einen Betrag von 1000 Mark an. Damit sind zwar wohl nicht die Gesamtkosten für das umfangreiche Besteck (mit Gabeln, Suppenlöffeln, Tafelmessern, Dessertgabeln, -messern und -löffeln) ermittelt. Auch ließ sich nicht mehr feststellen, über wen es beschafft wurde. Allerdings stellte ein so umfangreiches Tafelbesteck am Vorabend der Hochinflation eine teure Anschaffung dar: unter den Beständen des Instituts für Handelsforschung im Universitätsarchiv fanden sich zeitgleiche Prospekte von Firmen im märkischen Sauerland, die in den 1920er Jahren zu deutlich günstigeren Preisen Aluminiumbestecke mit ähnlichem Dekor anboten. Das Tafelsilber des Senats war aber dagegen als Repräsentationsobjekt gedacht.

Und es wurde ausweislich der Journale der Senatskasse in der Frühphase scheinbar regelmäßig benutzt, wie folgende, nicht abschließende Liste von Ausgaben im Rechnungsjahr 1927 zeigen: so verzeichnet die Rechnung für den 8.4. und den 2.6.1927 das Waschen von Tafeltüchern; am 29.4. für das Essen in der Senatssitzung 37,56 RM, am 12.5. für Zigarren für den Senat 30,50 RM, am 19.5. für den Aufschnitt zur Senatssitzung 19,50 RM, am 18.6. für den gelieferten Wein für den Senat immerhin 40,50 RM …

Blättert der Archivbenutzer die (damals noch handschriftlichen) Senatsprotokolle durch, so leuchtet unmittelbar ein, dass die Senatoren all dessen bedurften, was Stärkung und Halt bot: Handfesten Essens (was außer Aufschnitt gereicht wurde, was auf belegte Schnittchen schließen lässt, war den Akten leider nicht zu entnehmen) ebenso wie geistiger Getränke und Rauchwaren. Denn das Pensum der Sitzungen war umfangreich. Neben den allfälligen endlosen Kenntnisnahmen ministerieller Erlasse und Beschlüssen über Selbstverwaltungsangelegenheiten gehörte zu den Aufgaben eines Hohen akademischen Senats als Universitätsgericht auch die Wahrung der akademischen Disziplin unter den Studierenden. Insofern sollte man trotz edlen Tafelbestecks und Verpflegung in den Sitzungen nicht die nur vermeintlich „gute alte Zeit“ verklären.
Allerdings lädt das Tafelsilber im Universitätsarchiv zur Beschäftigung und Erforschung universitärer Geselligkeit vergangener Zeiten ein.